Der essenzielle Tremor (ET) - Zittern als Krankheit
Erste
Schritte für Betroffene - neurologische Diagnostik -
Therapiebeginn
(von
Dr.
Martin Ruppenthal - www.martin-ruppenthal.de)
![]()
* Was ist überhaupt
ein Tremor? Der Tremor (= Zittern) gehört zu den
Hyperkinesen (= zuviel an Bewegungen), er ist definiert als eine
unwillkürliche, rhythmisch oszillierende Bewegung in mindestens
einer Körperregion. Man unterscheidet einen Ruhetremor von den
verschiedenen Formen eines Aktionstremors (Haltetremor,
Bewegungstremor, Intentionstremor - bei zielgerichteten
Bewegungen, aufgabenspezifischer Tremor - z.B. Schreibtremor und
isometrischer Tremor).
* Und was heißt essenziell? Das bedeutet beim
ET "ohne bekannte Ursache", in anderem Zusammenhang
auch "wesentlich" (z.B. in "essenzielle
Fettsäuren")
Der ET ist eine neurologische Erkrankung,
demzufolge sollte jeder, der die Ursachen seines Zitterns
abklären oder seinen Tremor behandeln lassen möchte, einen
Neurologen aufsuchen, das ist ein medizinischer Spezialist, der
sich mit Erkrankungen des Gehirns und des Nervensystems auskennt.
Der ET wird zusammen mit der Parkinson-Krankheit und vielen
anderen Erkrankungen (z.B. Restless Legs-Syndrom, Tics oder
Dystonien) zu den Bewegungsstörungen gerechnet.
Voraussetzung für jede gezielte Therapie ist
die richtige Diagnose und beim ET demzufolge die
Abgrenzung der verschiedenen Tremorformen.
Der ET als häufigste Form des Zitterns (bei
mindestens 400 von 100000 Menschen, manche Schätzungen gehen
sogar über 1% der Bevölkerung; zwei Häufigkeitsgipfel des
Erkrankungsbeginns im 2. und 6. Lebensjahrzehnt) tritt
typischerweise in Händen und Unterarmen beidseitig (Asymmetrie
kommt vor) beim Halten und/oder Bewegen auf
(nicht bzw. weniger in Ruhe). Ruhe heißt hier
im neurologischen Sinne, dass nichts in der Hand gehalten wird
und die Hände im Sitzen ruhig und unverkrampft auf den
Oberschenkeln liegen. Dies darf nicht verwechselt werden mit Ruhe
im Sinne von Abwesenheit von Stress oder Angst. Typisch für
den ET ist nämlich, dass er z.B. in Abgrenzung vom verstärkten
physiologischen Tremor (s.u.) auch zuhause in ruhigen,
entspannten Situationen auftritt, aber eben beim Halten
bestimmter Gegenstände (Zeitung, Essbesteck). Der ET ist -
abgesehen von ganz leichten Formen - mehr oder weniger kontinuierlich
nachweisbar, d.h. er tritt auch in innerer Ruhe auf, ist aber
kein Ruhetremor (sondern ein Halte- und Bewegungstremor). In ca.
60% sind auch andere Verwandte betroffen (so genannter
autosomal-dominanter Erbgang), Alkohol verbessert häufig die
Symptomatik (ohne dessen Ursache zu sein!), seine Frequenz liegt
bei 4 bis 12 Hertz (= Zitterausschläge pro Sekunde, oft bis 8
Hertz) und auch nach einem mehrjährigen Verlauf treten keine
anderen neurologischen Symptome außer einem gelegentlichen
Zahnradphänomen auf (das bemerkt der Untersucher bei
Überprüfung der Muskelspannung), also z.B. keine relevanten
Gehstörungen. Somit ist der ET eine monosymptomatische
Erkrankung, d.h. es kommen im Verlauf keine anderen Symptome
hinzu ("Zittern als Krankheit"). Durch
spezielle Untersuchungen lässt sich allerdings manchmal nach
vielen Jahren eine leichtere Gehstörung nachweisen,
diese ist für die Betroffenen im Alltag meist ohne Bedeutung.
Spontane Besserungen sind unwahrscheinlich. Das Risiko, an der
Parkinson-Krankheit zu erkranken, ist für ET-Betroffene
ausgesprochen gering (maximal ca. 6%), aber etwas höher als in
der Durchschnittsbevölkerung.
Untypisch für einen ET, der in absteigender
Häufigkeit Hände, Kopf, Stimme, und Beine betreffen kann (bei
Frauen ist ein Kopf- oder Stimmtremor etwas häufiger, bei
Männern der Händetremor), sind neben einer stärker
ausgeprägten Gehstörung eine bleibende Einseitigkeit, ein
plötzlicher Beginn, ein isolierter Beintremor oder
charakteristische Symptome der Parkinson-Krankheit (z.B. Akinese
= Verlangsamung aller Bewegungsabläufe, Rigor = Steifigkeit der
Muskulatur, nachlassendes Geruchsempfinden). Neben der Parkinson-Krankheit
(Zittern typischerweise in Ruhe, einseitig betont und
beim Gehen oder bei mentaler Belastung zunehmend, z.B. beim
Rückwärtszählen > zum Parkinson-Tremor) müssen vom ET andere
Tremor-Formen abgegrenzt werden:
1. Bei Dystonien (anhaltende Muskelanspannungen
mit auffallenden Körperhaltungen) kann es zusätzlich zu einem
Tremor kommen, dieser ist dabei häufig in einer Extremität
betont, eher unregelmäßig und die ungewöhnlichen Kopf- oder
Körperhaltungen sind sichtbar.
2. Ein medikamentös bedingter Tremor kann bei
Einnahme von Schilddrüsenpräparaten, Antidepressiva, Lithium,
Valproat, Neuroleptika (u.U. auch so genannter tardiver Tremor),
bestimmten Mitteln für das Herz und zur Erweiterung der
Bronchien (und etlichen anderen) auftreten - man nennt dies dann
auch einen verstärkten physiologischen Tremor (das
ist ein Tremor, der bei Gesunden nur unter bestimmten Bedingungen
auftritt, z.B. bei Medikamenteneinnahme, Frieren oder
situationsabhängiger innerer Anspannung).
3. Ein psychogener Tremor hat öfters einen
plötzlichen Beginn (auch abrupte Besserungen), die
Tremorfrequenz ist nicht so konstant, häufig treten andere
psychische Symptome auf, eine Beteiligung der Finger ist selten
und bei der neurologischen Untersuchung fällt eine muskuläre
Vorspannung der Extremität auf (so genanntes
Koaktivationszeichen).
4. Seltenere Tremor-Formen seien nur
stichwortartig erwähnt: Kleinhirn-Tremor, Holmes-Tremor (=
Mittelhirn-Tremor), Gaumensegel-Tremor, Zittern bei peripheren
Nervenschäden (z.B. bei Polyneuropathien), so genannte
aufgabenspezifische Tremor-Formen (z.B. der Schreibtremor),
orthostatischer Tremor (führt zu einer Standunsicherheit), der
monosymptomatische Ruhetremor (Ruhezittern wie bei der
Parkinson-Krankheit, aber ohne zusätzliche Symptome), Tremor
nach Verletzungen. Bei der Multiplen Sklerose
ist ein Tremor nach längerem Verlauf nicht selten, bei ca. 15%
der Erkrankten sogar mäßig bis schwer, meist handelt es sich um
einen Aktionstremor, oft zusammen mit anderen Symptomen wie einer
Ataxie. Die Therapie ist schwieriger als beim ET, bei einer
starken Behinderung durch den Tremor ist auch eine tiefe
Hirnstimulation zu erwägen (s.u.).
In aller Regel können die beschriebenen Tremor-Formen durch Anamnese
(Vorgeschichte), neurologische Untersuchung und Zusatzuntersuchungen
differenziert werden. Letztere dienen der Absicherung der
Diagnose oder dem Ausschluss ernsterer neurologischer
Erkrankungen (z.B. Tumoren oder Durchblutungsstörungen des
Gehirns) - in Frage kommen EEG (Elektroenzephalographie =
Hirnstrommessung), EMG (Elektromyographie = Muskel- und
Nervenuntersuchung, z.B. zur Bestimmung der Tremor-Frequenz),
Laboruntersuchungen des Blutes (z.B. Ausschluss einer
Schilddrüsenüberfunktion oder einer Störung des
Kupferstoffwechsels = Wilson-Krankheit), radiologische
Untersuchungen des Kopfes (Computer- oder Kernspintomographie)
und Dopplersonographie (Untersuchung der zum Gehirn führenden
Arterien). Relativ neu ist die DaTSCAN-Untersuchung,
eine nuklearmedizinische Untersuchung des Gehirns, durch die in
besonderen diagnostischen Grenzfällen der ET von
Parkinson-Syndromen mit hoher Trennschärfe abgegrenzt werden
kann.
Nur die richtige Zuordnung eines Zitterns zu
einer bestimmten Tremorform - also die klare diagnostische
Klassifikation - erlaubt eine effiziente Therapie. So werden in
aller Regel zur Behandlung des ET ganz andere Medikamente
eingesetzt als zur Behandlung eines Zitterns bei
Parkinson-Krankheit oder Dystonie. Eine Behandlung des ET ist
immer dann sinnvoll, wenn das Zittern den betroffenen Kranken in
Alltagssituationen stört oder behindert. Immerhin führt der ET
bei ca. 15% der Erkrankten zu einer vorzeitigen Berentung.
Sind sich Patient und Neurologe einig, dass eine Behandlung
erfolgen sollte, dann wird im ersten Schritt eine medikamentöse
Therapie eingeleitet - Entspannungsverfahren können ebenfalls
hilfreich sein, z.B. Autogenes Training. Dazu muss man wissen,
dass alle hierfür eingesetzten Medikamente zunächst bei anderen
Erkrankungen erprobt wurden, ein spezifisches
"Anti-Zitter-Mittel" gibt es leider nicht. Am besten
untersucht und wirksamsten beim ET sind die Betablocker
(meist Propranolol, oft 160mg, maximal 240 bis 320mg täglich -
oft nur morgens einmal als Retard-Tablette gegeben) und Primidon
(250 bis 375mg täglich - oft nur abends gegeben,
langsame Eindosierung zwecks besserer Verträglichkeit, höhere
Dosen nur bei schon einsetzender Wirkung bis 375mg, maximal
1000mg täglich) - der Leser ist natürlich dringend angehalten,
vorher selbst den Beipackzettel zu studieren und einen Arzt zu
konsultieren, jede Dosierung erfolgt auf eigene Gefahr des
Benutzers! Beide Medikamente helfen bei ca. 40 bis 50% der
Patienten und können auch kombiniert eingesetzt werden. V.a. bei
Betablockern müssen bestimmte Gegenanzeigen
berücksichtigt werden (z.B. Herzrhythmusstörungen, Asthma oder
Diabetes), bei zu rascher Aufdosierung macht Primidon oft
Müdigkeit, Übelkeit und Schwindel. Manche Behandler beginnen
bei jüngeren Patienten (Alter unter 60 Jahren) mit einem
Betablocker, bei älteren Patienten mit Primidon. Vor dem
Ausweichen auf andere Medikamente sollte auf jeden Fall die Kombinationstherapie
von Betablocker und Primidon versucht werden (in gewisser
Analogie zur bewährten Kombinationstherapie bei der
Parkinson-Krankheit). Für fast jedes Zittern, das über einen
leichten Tremor hinausgeht, ist die Kombination der beiden
Substanzen der Regelfall - sofern die Behandlung
erwünscht ist.
Alle anderen Medikamente
(Anti-Parkinson-Medikamente sind beim ET nicht wirksam) können
zwar in Einzelfällen sehr hilfreich sein (das evtl. individuelle
Ansprechen lässt sich leider nicht vorhersagen), kommen aber nur
als zweite Wahl oder bei Unverträglichkeit von Propranolol oder
Primidon in Betracht. Relativ neu ist der Einsatz des
Antidepressivums Mirtazapin. In Frage kommen
außerdem Clonazepam oder Alprazolam
(Medikamente der Diazepam-Gruppe), v.a. als Bedarfsmedikamente in
kritischen Situationen (Abhängigkeitsrisiko!), die
Antiepileptika Gabapentin und Topiramat, außerdem Clozapin
(Blutbildkontrollen unbedingt erforderlich!), manche Behandler
versuchen Flunarizin.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich
die richtige diagnostische Zuordnung eines Tremors häufig schon
aus Anamnese und neurologischer Untersuchung ergibt. Dies braucht
Zeit und Aufmerksamkeit, die beschriebenen Zusatzuntersuchungen
dienen meist der Ausschlussdiagnostik. Die Behandlung erfordert
bei Patient und Arzt ein gewisses Maß an Geduld. Die Auswahl des
individuell richtigen Medikamentes orientiert sich zwar
einerseits an der medizinischen Wissenschaft (Propranolol und
Primidon als wirksamste Substanzen), sie wird mitunter aber auch
nebenwirkungsgeleitet sein (d.h. bei bestimmten Vorerkrankungen
verbietet sich das eine oder andere Medikament) oder sie richtet
sich nach den Bedürfnissen des Betroffenen (z.B. Dauermedikament
oder Tabletten nur bei Bedarf, etwa vor bestimmten
Stress-Situationen). Manches in der professionellen Therapie des
ET ist sicher auch ärztliche Kunst -
gelegentlich aber auch einfach Versuch und Irrtum. Mitunter wird
man bei Bewegungsstörungen auch als Neurologe seinem Patienten
(oder seiner Patientin) sagen müssen: "Ich bin nicht
sicher, was es ist. Wir versuchen etwas und schauen, was
geschieht." Auf jeden Fall muss die fachmännische Therapie
des ET im Dialog mit dem Patienten individuell abgestimmt
werden.
Soviel zum Therapiebeginn beim ET in der neurologischen Praxis -
die operative Behandlung, die in schwereren
Fällen oft sehr segensreich ist (tiefe Hirnstimulation
= Hochfrequenzstimulation = "Hirnschrittmacher"), steht
nie am Anfang einer Behandlung eines Tremors, ein schwerer Tremor
kann aber meist nur operativ mit Erfolg behandelt werden (oder
der Betroffene findet sich damit ab und lebt damit). Erwähnt sei
noch die Injektion von Botulinumtoxin, die sich
bei Dystonien bewährt hat (auch beim dystonen Tremor) - die
Studienlage zum ET ist da z.Z. noch etwas uneinheitlich
(Injektion beim ET meist sehr individuell in einzelne Muskeln des
Ober- und Unterarmes), in der Regel spricht der Kopftremor
deutlich besser darauf an als der Händetremor.
BUCH:
Findley/Koller, Handbook of Tremor Disorders, Marcel Dekker, New
York 1995.
ZEITSCHRIFT: Movement
Disorders
*
Anhang 1: Was ist eigentlich die Ursache des essentiellen
Tremors? Spielt die Psyche eine Rolle?
Der ET gehört z.B. zusammen mit den Dystonien, den Tics und dem
Restless Legs-Syndrom und im deutlichen Gegensatz zur
Parkinson-Krankheit oder etwa der Chorea Huntington zu den Bewegungsstörungen,
bei denen derzeit keine Hirnveränderungen festgestellt werden
können (gemeint sind mikroskopisch feststellbare
Gewebsveränderungen), bei denen aber dennoch eine Funktionsstörung
des Gehirns als Ursache angenommen wird. Wahrscheinlich sind
ganze Regelkreise betroffen, die die so genannten Basalganglien,
den Thalamus, das Kleinhirn und andere Hirnteile (z.B. untere
Olive) mit einbeziehen. Die moderne bildgebende Hirndiagnostik
(z.B. die Positronen-Emissions-Tomographie) spricht dafür, daß
der ursächlich wirksame Oszillator in diesen
Regelkreisen zu suchen ist. Die Ergebnisse der genetischen
Forschung sind noch unbefriedigend, zwei Genorte für
den vermuteten autosomal-dominanten Erbgang sind derzeit in der
Diskussion, manche Arbeitsgruppen waren aber auch bei der
Untersuchung von ET-Familien nicht erfolgreich. Wahrscheinlich
ist der ET keine genetisch einheitliche Erkrankung (wie z.B. die
Chorea Huntington) und kann auch ohne diesbezügliche genetische
Belastung auftreten. Umweltfaktoren (z.B.
Pestizide, Blei, Quecksilber) werden diskutiert, v.a. vor dem
Hintergrund einer evtl. zunehmenden (oder häufiger erkannten?)
Krankheit.
Angesichts dieser Unklarheiten fragen sich viele, ob der ET nicht
einfach die Folge von Nervosität oder
psychischen Problemen ist. Dass der Tremor lediglich durch Stress
oder Hektik verursacht wird, ist allerdings eine
Fehleinschätzung, jedes Zittern (auch bei der
Parkinson-Krankheit) verstärkt sich lediglich bei innerer
Anspannung. Diese falsche Einschätzung bedingt, dass der ET
häufig erst nach jahrelangem Verlauf als solcher festgestellt
wird und Fehldiagnosen relativ häufig sind.
Wahr ist allerdings, dass alle stärker zitternden Menschen mit psychosozialen
Problemen zu kämpfen haben, beruflich und in der
Freizeit. Untersuchungen zeigen, dass zwischen 20 und 40% der vom
ET betroffenen Menschen mit behandlungsbedürftigen Ängsten
und Depressionen zu tun haben, z.T. als Folge
der Erkrankung, mitunter auch unabhängig davon und es kommt zu
Wechselwirkungen. Tatsache ist, dass unbehandelte Ängste und
Depressionen sicher den Verlauf des ET ungünstig beeinflussen.
Ängste treten dabei häufig in Form so genannter sozialer
Phobien (> www.sozphobie.de) auf (Angst im Umgang mit anderen Menschen, z.B.
auch bei Feiern oder Versammlungen), dies führt häufig zu einem
Vermeideverhalten, das sich ET-Patienten nicht angewöhnen
sollten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass einige
der beim ET wirksamen Substanzen auch angstlindernd sind
(Betablocker, Clonazepam/Alprazolam und natürlich auch Alkohol).
In der Betreuung und Behandlung von ET-Patienten gehört
demzufolge die Berücksichtigung der psychischen und sozialen
Situation unabdingbar dazu.
Übrigens ist der Alkoholkonsum beim ET nicht
höher als in der Durchschnittsbevölkerung. Ein alkoholbedingter
Tremor kann meist klar vom ET abgegrenzt werden, er ist im
Gegensatz zum ET nur selten funktionell störend, oft weniger
schwer, fast nie zittern auch Familienangehörige, seine Frequenz
ist höher, Kopf und Stimme sind nicht betroffen. Nur am Rande
sei noch angemerkt, dass auch die Tiefenhirnstimulation
bei den operierten Patienten in aller Regel zu einer Besserung
ihrer Ängste und ihrer Lebensqualität beiträgt.
* Anhang
2: Der essenzielle Tremor bei Kindern, sollte bzw. kann er
behandelt werden?
Der
ET kann in der Tat auch bei Kindern vorkommen, das ist kein
Drama! Wichtig ist ein verständnisvoller Umgang, der
die betroffenen Kinder und Jugendlichen dazu anleitet,
selbstbewusst mit ihrem z.T. auffälligen Symptom umzugehen, um
sich z.B. auch selber vor evtl. Hänseleien schützen zu können.
Auch andere Erziehungspersonen (z.B. Lehrer) sollten sachlich
über den ET informiert werden, damit es von dieser Seite nicht
zu Fehleinschätzungen kommt und das betroffene Kind nicht als
nervös oder "Zappelphilipp" abgestempelt wird. Der ET
darf nicht mit einem hyperkinetischen Syndrom (=
Aufmerksamkeitsdefizit-Störung oder
"Zappelphilipp-Syndrom" > www.adhs.ch) verwechselt werden. Bei
der Unterscheidung wird ein Neurologe helfen können.
Studien zum ET bei Kindern sind bisher selten, die derzeit
größte umfasst lediglich 30 Kinder und Jugendliche bis zum 18.
Lebensjahr. Das Zittern hat bei diesen Untersuchten
durchschnittlich im Alter von 9 Jahren begonnen, Jungen waren mit
ca. 73% in der Mehrzahl (bei Erwachsenen in etwa gleichmäßige
Geschlechtsverteilung) und ein Kopftremor war im Vergleich zum Armtremor
sehr selten. Mehrere Studien zur Häufigkeit der Erkrankung
zeigten, dass der ET in ca. 5% schon bis zum 20. Lebensjahr
erstmals auftritt. Daraus darf nicht der Schluss gezogen werden,
dass die früh betroffenen Patienten für die Zukunft eine
schlechtere Prognose hätten, das ist auch für die Eltern
beruhigend.
Die meisten Neurologen werden eine medikamentöse
Behandlung von Kindern so lange wie möglich
hinauszögern, vielleicht bis nach der Pubertät. Da alle beim ET
eingesetzten Medikamente z.B. im Gegensatz zur
Parkinson-Krankheit keine schützende Wirkung auf die
Nervenzellen haben (Neuroprotektion) - sondern lediglich das
Symptom positiv beeinflussen - und die Prognose auf lange Sicht
ohnehin recht günstig ist, muss auch nicht gleich behandelt
werden. Man wird dies vielmehr vom Ausmaß des Zitterns und der
Behinderung des Kindes im Alltag abhängig machen. Bei einer
deutlichen Beeinträchtigung sollte man allerdings nicht zu lange
zögern. Auch für die Psyche eines stark zitternden Kindes wird
es schädlich sein, wenn man es langfristig unbehandelt lässt
oder etwa jahrelang zweifelhafte Behandlungsmethoden versucht
werden. Die Medikamente sind dieselben wie bei Erwachsenen,
richtige Therapiestudien fehlen in dieser Altersgruppe bisher.
Der Einsatz von Propranolol und Primidon ist auch bei Kindern
möglich, je nach Notwendigkeit als Dauer- oder nur als
Bedarfsmedikament, die Dosis ist naturgemäß deutlich niedriger
als bei Erwachsenen. Die Verträglichkeit der Arzneien ist
ähnlich wie bei Erwachsenen, also in aller Regel gut.